| Nach Beendigung der Schule machen die meisten
schwerhörigen und gehörlosen Menschen eine Ausbildung in einem anerkannten
Ausbildungsberuf. Dabei fehlt es nicht an unterstützenden Hilfsmitteln, seien es
Fördermittel von der Hauptfürsorgestelle oder die theoretische Ausbildung in Blockform
in einer Sonderberufsschule. Die Schwierigkeiten gehen erst richtig mit dem Ende der
Ausbildung los: Die Abschlußprüfungen werden ein ernstzunehmendes Hindernis: Viele
Aufgabentexte sind sehr kompliziert und häufig in verwirrenden Schachtelsätzen
geschrieben. Der hörgeschädigte Prüfling überlegt oft erst lange und traut sich dann
vielleicht nachzufragen. Doch Texterklärungen fordern Zeit und sind oft unbefriedigend.
Die Folgen: Hörgeschädigte schneiden daher oft schlechter ab, auch wenn die Zeit
verlängert wird. Die Chancengleichheit ist nicht gewährleistet.
Herrn Wilde, Studiendirektor und Berufsschullehrer an dem Rhein.-Westfälischen
Berufskolleg für Hörgeschädigte Essen, ist es zu verdanken, daß hörgeschädigte junge
Menschen nun eine echte Chance bekommen: 1991 kam ihm die Idee eines neuen
Prüfungskonzeptes. In Zusammenarbeit mit der IHK zu Essen und der
Martin-Luther-Universität Halle und dem FST Heidelberg wurden die Aufgaben-Texte zu den
Abschlußprüfungen sprachlich vereinfacht. Eine nicht ganz einfache Sache, denn das
fachliche Niveau und der Fachwortschatz mußten erhalten bleiben! Schließlich sollte es
keine Prüfung zweiter Klasse werden. Ein eingeschränktes Sprachvermögen aufgrund einer
Hörschädigung bedeutet nicht auch eine Einschränkung im geistigen Denken!
Ein Beispiel soll hier zeigen welche Erleichterung eine textoptimierte Prüfung bieten
kann:
In einer original Prüfungs-PAL-Aufgabe (mit Abbildung von vier Profilen) heißt es:
"Die Bilder zeigen die Herstellung verschiedener Blechprofile. Nennen Sie die dafür
vorzugsweise einzusetzende Maschine und geben Sie die fachlichen Werkzeugteile 1 und 2
an."
In einer textoptimierten Prüfung wurde die Frage so gestellt:
"Herstellung von verschiedenen Blechprofilen:
- Mit welcher Maschine kann man diese Profile am besten herstellen?
- Wie heißt Werkzeugteil 1?
- Wie heißt Werkzeugteil 2?"
Mit Hilfe eines Word-Makros wurde eine Aufgabenbank zur Erstellung der textoptimierten
Prüfungen (TOP) angelegt. Mit dem Programm können die Aufgaben ausgewählt und
zusammengestellt werden.
Mittlerweile haben 731 Auszubildende in 67 Berufen mit textoptimierten Prüfungen ihre
Abschlußprüfungen abgelegt. Mit guten Ergebnis, denn: lästige Nachfragen,
Unsicherheiten, Mißverständnisse konnten aus dem Weg geräumt werden und die
Prüfungsteilnehmer erzielten im Vergleich mit nicht behinderten Prüflingen gleiche oder
sogar bessere Ergebnisse.
Im Sommer 1998 stand ich vor der Beendigung meiner Ausbildung zur Technischen
Zeichnerin. Natürlich saßen mir die Angst und Aufregung im Nacken. Schließlich gibt es
die neue Prüfungsordung in diesem Beruf noch nicht lange und gilt als schwierig. Dazu
kam, daß die Aufgabentexte mir oft zweideutig vorkamen. Häufig machten ich und
Klassenkameraden die Erfahrung, daß wir mit den Lösungen daneben lagen - sprachliche
Mißverständnisse. Herr Wilde, damaliger Klassenleiter konnte uns beruhigen: Wir würden
textoptimierte Prüfungen ablegen und das würde bestimmt prima klappen! (Na, ja?!)
Ich denke noch gern an die Prüfungstage zurück: Schweißnasse Hände, Herzschlag, der
überall am Körper zu spüren war und das Gefühl, alles Gelernte wäre vergessen...
Dann kamen die Aufgabenblätter und meine Angst war wie weggeblasen. Einfache Sätze,
"saubere" und ohne großes Umschweifen formulierte Aufgabenstellungen! Die Zeit,
die ich durch das Wegfallen von Nachfragen gewann, habe ich gut genutzt. Das Ergebnis kann
sich sehen lassen.
Ich denke, dies ist ein wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung schwerhöriger und
gehörloser Menschen. Nutzt diese Chance und fordert die TOP! IHK's, die Prüfungen mit
kommunikativ behinderten jungen Menschen durchführen, können ab Frühjahr 1999
textoptimierte Prüfungen von der IHK Essen anfordern und einsetzen.
Sandra Munk
Was die Presse darüber berichtet hat ... |