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Podiumsdiskussion zur Landtagswahl in Baden-Württemberg
Eine sehr gelungene, barrierefreie Landtagswahl-Veranstaltung
Der Deutsche Schwerhörigenbund Landesverband Baden-Württemberg e.V. verstand es, die Podiumsdiskussion am
5.2.2011 "Landtagswahl 2011 – Was ändert sich für uns Hörgeschädigte nach der Wahl? Gibt es einen Politikwechsel
im Behindertenbereich – oder bleibt alles beim Alten?" im Kommunikations- und Beratungszentrum für
Hörgeschädigte des Schwerhörigenvereins Stuttgart als in hohem Maße sachbezogenes Gespräch zu gestalten. Die
Politikerinnen und Politiker erwiesen sich durch Ihre Redebeiträge in entsprechender Weise sehr interessiert und in
ihren Äußerungen glaubwürdig. Sie gingen auf die vorgetragenen insgesamt 10 Forderungen und Fragen
nacheinander ein (siehe auch den nebenstehenden "Forderungs- und Fragenkatalog").
Auch zahlreiche Nachfragen der Zuhörerinnen und Zuhörer führten zu einer über dreistündigen Veranstaltung,
unterbrochen nur durch eine kurze Pause. Die brauchten vor allem ein Schriftdolmetscher, dessen Arbeit für alle
Interessierten sichtbar projiziert wurde, und eine Schriftdolmetscherin, die alles Gesagte für Betroffene mit Usher-
Syndrom über einen Laptop-Bildschirm zur Verfügung stellte. Auch eine Induktionsanlage kam zum Einsatz. So war
es eine wirklich barrierefreie Wahlveranstaltung.
Die Entscheidung des Landesverbandes, vertreten durch seine erste Vorsitzende, Frau Laura Hüster-Leibbrand und
seinen Schriftführer, Herrn Marcel Karthäuser, Verbesserungswünsche der schwerhörigen Bürgerinnen und Bürger
den Landtagskandidatinnen und -Kandidaten vorzutragen und diese um entsprechende Stellungnahmen zu bitten,
führte dazu, dass diese sich auch bereitwillig einem Experiment stellten, von dem sie erst zu Beginn der
Veranstaltung erfuhren: Sich für eine Stunde mit Ohrstöpseln einer leichten bis mittelgradigen Hörminderung
auszusetzen. Auch deshalb kam es mit der wieder kandidierenden Landtagsabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen, Frau Bärbl Mielich, und mit den Kandidaten der Parteien SPD, Herrn Matthias Tröndle für Stuttgart II, FDP,
Herrn Dr. Matthias Oechsner für Stuttgart III, und DIE LINKE, Herrn Gottfried Lorch für Wahlkreis 69 Ravensburg, zu
einem geradezu außergewöhnlich sich ergänzenden Sachgespräch zum Thema Inklusion von hörbehinderten
Menschen auf allen Ebenen des gesellschaftliche Lebens. Der Moderator, Herr Andreas Kammerbauer, Vizepräsident
des Deutschen Scherhörigenbundes e.V., leitete dieses dichte Gespräch gekonnt. Und durch die Präzisierungen der
beiden Vertreter des Landesverbandes gewann der Gang durch die Welt der schwerhörigen Menschen zusätzliche
Kontur.
Als politischen Höhepunkt im traditionellen Sinne einer Podiumsdiskussion vor einer Landtagswahl empfand ich
folgenden Hinweis von Herrn Marcel Karthäuser vom Landesverband: Der Landesverband werde dankenswerter
Weise eigentlich immer im Vorfeld von Bahnhofsumbauten um seine Verbesserungsvorschläge gebeten. Allein beim
Projekt "Stuttgart 21" sei er nicht angefragt worden. Die Reaktion der Politiker: Peinliches Entsetzen bei SPD und
FDP, leidvolles Kopfschütteln bei dem selbst körperbehinderten Kandidaten der Linken. In einer zweiten Reaktion:
Herr Tröndle, SPD: "Die SPD wird zu Stuttgart 21 eine Volksabstimmung veranstalten." Und Herr Dr. Oechsner, FDP:
"Dennoch bin ich natürlich weiterhin für S 21."
Die Landtagsabgeordnete der Grünen war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da, weil sie nur bis zur Pause dableiben
konnte, hatte sie doch als Gesundheitspolitikerin ihrer Fraktion am selben Abend noch in Freiburg im Breisgau eine
weitere Wahlveranstaltung zu bestreiten.
Niemand nahm ihre Bitte um Verständnis zum Anlass für eine Missfallensäußerung. Es herrschte so ungefähr das
Gegenteil einer aufgeheizten Wahlkampf-Stimmung. Ich selber fühlte mich wie bei einem sehr interessanten
Hearing. Niemand freute sich über die Probleme, alle waren bemüht, sie zu begreifen und fragten sich ehrlich, was
zu ihrer Beseitigung unternommen werden könnte. Politiker wurden zu fragenden: "Wie im Himmel" (Regisseur Kay
Pollak) fällt mir dazu ein.
Ich selber musste leider nach dem offiziellen Schluss der Podiumsdiskussion auch gehen, habe mir aber sagen lassen,
dass sich daran nochmals ein Gespräch mit den beiden bisherigen Stuttgarter Stadträten von SPD und FDP, Herrn
Tröndle und Herrn Dr. Oechsner, sowie mit Herrn Lorch, Sprecher der LAG Selbstbestimmte Behindertenpolitik und
Landtagskandidat im Wahlkreis 69 Ravensburg der Partei DIE LINKE, angeschlossen habe.
Wie sie dagesessen hatten, würde ich allen vier Politikern wünschen, in den Landtag wieder bzw. neu einzuziehen.
Denn sie sind an diesem Nachmittag von uns allen für unsere Sache gewonnen worden. Hatten sie doch auch die
menschliche Größe, gegebenenfalls sagen zu können: "Das wusste ich gar nicht!"
Die schwerhörigen und ertaubten Menschen und ihre Eltern, Fachleute und Freunde haben an diesem Nachmittag
auf hohem Niveau in den Wald der Politik hineingerufen. Sprichwörtlich niveauvoll und menschlich ansprechend hat
dieser darauf geantwortet und auch das gegenseitige Gespräch" von Baum zu Baum" gepflegt. Hochachtung!
Schade allein, dass die CDU niemanden schickte und auch der ebenfalls eingeladene Behindertenbeauftragte der
Landesregierung nicht gekommen war.
Gunther Leibbrand
Mitglied im Schwerhörigenverein Stuttgart e.V.
Update: 21.02.2011
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