Ausgabe 06 / 2004 zurück
 

Wissenschaftler warnen vor "Steinzeit-Medizin"

Kritik an Fehlinformationen zur Versorgung von Hörproblemen

Hamburg. Namhafte Wissenschaftler haben eindringlich vor falschen Informationen über die Behandlung und Versorgung von Hörschäden gewarnt. Der derzeit kursierende „Tipp“, sich bei Hörproblemen einfach nur Ohrstöpsel ins Ohr zu stecken und gleichzeitig auf moderne Hörsysteme zu verzichten, sei eine unverantwortliche Irreführung der Patienten, erklärten übereinstimmend die HNO-Spezialisten Professor Dr. Jürgen Kießling, Professor Dr. Roland Laszig und Professor Dr. Klaus Seifert.

"Wer solche Behauptungen in die Welt setzt, ist ein denkbar schlechter Ratgeber, handelt unseriös und profiliert sich auf Kosten der Gesundheit von Millionen Menschen", so Professor Kießling aus Gießen. "Das ist Medizin aus der Steinzeit, die den heutigen Stand der Forschung auf gefährliche Weise ignoriert." Kießling betonte, moderne Technologie, die den Menschen helfe, dürfe niemandem vorenthalten werden. Insbesondere die Technologie von Hörsystemen sei heute so weit entwickelt, dass Hörprobleme bestmöglich und individuell versorgt werden könnten. Den Patienten stehen Hörsysteme zur Verfügung, die eine differenzierte Schallverarbeitung bieten. Sie stellen sich auf unterschiedliche Hörsituationen ein und unterdrücken belastenden Störlärm. Wirkungsvolle Lautstärkebegrenzungen gewährleisten zudem den vollen Schutz vor starken akustischen Reizen.

HÖRSYSTEME SO FRÜH WIE MÖGLICH

Mit dieser Funktionsweise sind moderne Hörsysteme unverzichtbar für Menschen, deren Hörvermögen nachgelassen hat. Dies gilt nicht nur unter dem Aspekt der Verbesserung des aktuellen Kommunikationsvermögens, sondern auch für den Erhalt desselben. Denn: Hören mit Hörsystemen wirkt einer drohenden Entwöhnung, einer so genannten Deprivation, entgegen. "Ganz im Sinne der Prävention kann ein modernes Hörsystem das weitere Fortschreiten einer Hörentwöhnung verhindern", so der Freiburger Professor Laszig. Bei Hörproblemen gelte es deshalb, rasch zu handeln, sich so schnell wie möglich untersuchen und mit Hörsystemen versorgen zu lassen, sofern medikamentöse oder operative Hilfe nicht angezeigt ist. Je länger dagegen eine Hörminderung unversorgt bleibt, desto stärker wird die Leistungsfähigkeit des Gehirns eingeschränkt. Die Verstehensleistung lässt nach, lebenslang erworbenes Wissen kann schrittweise verloren gehen. "Wer nichts gegen seine Hörprobleme unternimmt, riskiert seinen Verstand", so Professor Seifert.

GEHÖR UND GEHIRN BLEIBEN IM TRAINING

Hintergrund dieser Erkenntnis ist die Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn. Diese Struktur wird durch adäquate Beschallung aufrechterhalten. Je weniger akustische Signale vom Gehör aufgenommen und ans Gehirn übertragen werden, desto stärker bilden sich die für das Sprachverstehen erforderlichen Verknüpfungen der Nervenzellen – neuronale Vernetzungen – zurück. Die Folge: Das Gehirn kann die eingehende Information nicht mehr richtig verarbeiten und „verlernt“ schließlich, Laute und Geräusche zu erkennen. Dieser Prozess kann nur durch den frühestmöglichen Einsatz von Hörsystemen gestoppt werden. Ein Hörsystem, das vom Hörgeräteakustiker fachgerecht angepasst wird, erfasst und verstärkt akustische Signale in individueller Form. Gehör und Gehirn bleiben in Übung, da weiterhin genügend akustische Reize übertragen und verarbeitet werden.

Aufschluss bei Hörproblemen geben eine Untersuchung beim HNO-Arzt oder ein Hörtest beim Hörgeräteakustiker. Für Hörsysteme erstatten die Krankenkassen Festbeträge, die bis zu 100 Prozent der Kosten abdecken. In Deutschland leiden rund 15 Millionen Menschen unter Hörproblemen. 2,5 Millionen davon sind adäquat mit Hörsystemen versorgt.

Weitere Informationen gibt es bei der Telefon-Hotline des Forum Besser Hören unter der kostenfreien Nummer 0800-360-9-360 an jedem Montag von 15.00 bis 17.00 Uhr.

 
Deutscher Schwerhörigenbund e.V.
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