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Deutscher Schwerhörigenbund e. V.

Ausgabe 04/2020

Liebe Leserinnen und Leser!

Auch Ludwig van Beethoven ist ein Opfer der Coronapandemie geworden. Mit großem Elan schickten sich Beethovens Geburtsstadt Bonn, seine spätere Wirkungsstätte Wien und im Grunde die ganze Musikwelt an, in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag gebührend zu feiern. Spätestens seit März ruht stille dieser See.

Dabei hatte sich meine Befürchtung, bei aller Begeisterung für sein musikalisches Genie werde man das tragische Hörleiden Beethovens weitgehend vergessen, nicht erfüllt. Nein, Beethoven war in allen Planungen immer als beides präsent: als der große Komponist in einer Zeit des politischen Umbruchs und gleichzeitig als der schicksalhaft bereits in frühen Jahren hochgradig schwerhörige, am Ende vollkommen taube Musiker. Ein „Titan der Kulturgeschichte“, wie es dann gerne überhöhend bezeichnet wird, und gleichzeitig ein Mann mit einer Schwerbehinderung (auch wenn das niemand so direkt ausdrücken wird).

Beethoven beschäftigte sich intensiv mit dem Klang und der Spielweise mehr oder weniger aller Musikinstrumente. Viele davon lernte er selbst zu spielen. Klein von Statur, muss er, wenn man die Fingersätze seiner Klavierstücke betrachtet, übergroße Hände gehabt haben. Mehr als das höfische Treiben in Wien liebte er die Natur. Immer wieder zieht er sich auf das Land zurück und lauscht dort ihren Lauten und dem Gesang der Vögel.

Wie niederschmetternd muss es gewesen sein, als sich plötzlich fremde Töne in diese Klangwelt mischten? Als sich die Töne verzerrten, hinter ein „Sausen und Brausen“ verzogen und schließlich Stück für Stück ganz verschwanden? Schon mit 28 Jahren hat Beethoven die Verzweiflung über seinen „Hörstatus“, über seinen Tinnitus und Hörverlust in seinem bekannten Heiligenstädter Testament niedergeschrieben. „O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet, wie unrecht tut ihr mir. Ihr wisst nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet.“

Und auch diese Erkenntnis stammt von Beethoven: „Das Tagtägliche erschöpft mich!“ Wie gut können viele der 16 Millionen Hörgeschädigten allein in Deutschland diese Worte nachvollziehen! Mit einem Hörverlust verbinden sich individuelle Erfahrungen, Leiden und Schicksale, die für Menschen mit einem gesunden Gehör oft schwer nachzuvollziehen sind. Häufig ziehen sich Menschen mit Hörbeeinträchtigungen von ihren Mitmenschen zurück, werden unleidlich und geraten so in eine soziale Isolation. Wenn wir das Leben Beethovens aufmerksam betrachten, können wir feststellen, dass auch er genau diese Erfahrungen des Versteckens, des Rückzugs, des Verlusts und des Ausgeschlossenseins gemacht hat. Keine Frage: Beethoven war einer von uns.

Ohne Zweifel hätte man Beethoven mit den heutigen technischen Mitteln noch ein ganzes Stück weit helfen können. Bis zu seinem 40. Lebensjahr mit Hörgeräten, danach wären wohl Cochlea-Implantate indiziert gewesen. Mit denen wäre ihm immerhin in seinen letzten 15 Lebensjahren die mühsame Kommunikation über Konversationshefte erspart geblieben. Vielleicht wäre er auch weniger „misanthropisch“ gewesen und seiner Schwägerin und seinem Neffen manche Qual erspart geblieben. Allerdings – die Feinheiten und musikalische Dynamik seiner „Neunten“ hätte er sich auch mit CI nur aus seiner musikalischen Intuition und seinen frühen Klang- und Tonerfahrungen erdenken können.

Norbert Böttges

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