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Deutscher Schwerhörigenbund e. V.

Ausgabe 03/2019

Liebe Leserinnen und Leser!

Kinder, so stelle ich mir vor, nehmen in den ersten Jahren ihres Lebens alles so an, wie sie es vorfinden. Sicher, sie können schreien, wenn sie Hunger haben, oder trotzig sein und ihre Grenzen erproben. Wie ihre Umwelt aber daraufreagiert -mit Hinwendung oder Nichtbeachtung, mit Klugheit oder Gewalt, mit Verständnis oder Spott -, das müssen sie hinnehmen, wie es kommt. So lernen sie die Welt kennen und nehmen ihren Platz in ihr ein.

So ist es wohl auch, wenn ein Kind von früh an mit einer Hörbeeinträchtigung leben muss. Es mag die Geräusche der Menschen um sich vermissen und sich verlassen fühlen - es kennt es aber nicht anders. Es mag sich wundern über die Schnelligkeit und Schlagfertigkeit der anderen beim Spiel und täglichen Umgang. Es mag sich fragen, warum es immer wieder Dinge verpasst, die andere längst wissen. Aber wie kommt es dazu? Es kann die Ursache dafür nicht benennen und wird sie bei sich selbst suchen. Und wenn es in der Gruppe übergangen, gemieden oder sogar aufgezogen wird, wird es sich seinen eigenen Reim daraufmachen. Dass es am schlechten Hören liegen könnte - auf eine solche Idee wird es dabei kaum kommen.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Hören wird überbewertet”gibt Cindy Klink einen Einblick in ihre noch recht junge Lebensgeschichte. Cindy Klink ist seit ihrem dritten Lebensjahr hochgradig schwerhörig und als Kind gehörloser Eltern bilingual aufgewachsen - also mit Laut- und Gebärdensprache. Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt von Höhen und Tiefen. Sie berichtet vom Mobbing, das sie im Kindergarten erfahren hat, und von der Zeit, als sie zur Förderschule ging. Sie beschreibt, wie sie mit 13 Jahren auf der Straße zusammengeschlagen und mit bösen Sprüchen gedemütigt wurde. Sie schreibt von ihrer ersten Liebe, bei der sie sich am Ende bitter ausgenutzt fühlte.

Heute ist Cindy Klink 21 Jahre alt. Auf YouTube übersetzt sie Popsongs in Körper und Gebärdensprache. Ihre Botschaft: „lch male euch ein Bild mit Gefühlen und Händen.” Auf YouTube begeistert sie Zigtausende, die ihr folgen, und hat ihre persönliche Seelenbalance gefunden. Aber als Gehörlose, die gleichzeitig die Lautsprache beherrscht, fühlt sie auch: „Mit dem einen Fuß bin ich in der Welt der Hörenden, und mit dem anderen in der Welt der Gehörlosen. Man weiß nie, zu welcher Kategorie man gehört, und man wird von der einen und von der anderen Seite nicht wirklich akzeptiert."

Kein Zweifel: Die Erfahrungen unserer Kindheit prägen uns. Schüchternheit, Vorlieben für laute Orte, Hobbys, die nicht zur Kommunikation zwingen - das können unbewusste Ergebnisse unserer Prägung durch eine Hörbeeinträchtigung sein. Nicht alle Folgen stecken wir ohne weiteres weg. Rückzug und Alleinsein, Heimatlosigkeit, Ehrgeiz und Selbstüberforderung bis hin zur Erschöpfung, Menschenflucht und tiefverwurzelte Depressionen - solche Lasten können wir unser Leben lang mit uns herumtragen, ohne dass wir ihre wirkliche Ursache erkannt hätten. Es kann dann schon ein Schritt nach vorne sein, wenn man den Zusammenhang beim Namen nennen kann. So finden wir eine Basis, uns mit unserem Leben anzufreunden. Eine Hörschädigung beeinträchtigt nicht nur unser Sprachverständnis. Sie wir früher oder später elementarer Teil unserer Persönlichkeit.

Mit herzlichen Grüßen

Norbert Böttges
Vizepräsident des DSB

 

Sozialpolizik/Recht/Bauen

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