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Deutscher Schwerhörigenbund e. V.

 Spektrum Hören 3 / 2017

  • Vorwort des Vizepräsidenten des DSB e.V., Dr. Norbert Böttges

Liebe Leserinnen und Leser!

„Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.“ Dieser Satz gilt als eine Grundweisheit der Marktwirtschaft. Er leuchtet so unmittelbar ein, dass er keines weiteren Beweises mehr zu bedürfen scheint und sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen lässt.

Von solchen Grundgesetzen leiten Mathematiker gerne „Korollare“ ab. Ein Korollar ist ein Satz, der sich aus einem bereits als richtig anerkannten Gesetz ohne weiteren Beweisaufwand ergibt. Oft enthüllt so ein Korollar aber eine ganz neue, überraschende Sicht und Tatsache. Ein solches Korollar zu unserem Gesetz ist die Aussage: „Die Nachfrage bestimmt das Angebot.“ Auch dieser Satz leuchtet dem gesunden Menschenverstand sofort ein. Wenn die Nachfrage groß ist, dann steigt auch das Angebot. Und: Wo keine Nachfrage ist, da entsteht auch kein Angebot.

Genau hier liegt das Dilemma. In einer solchen Situation benden wir uns schon seit geraumer Zeit. Bei Theateraufführungen und Kulturveranstaltungen, Vorträgen und Beratungsgesprächen, am Kundenschalter oder beim Einkauf haben Menschen mit Hörminderungen oft erhebliche Kommunikationsprobleme. Es gibt ganze Lebensbereiche, von denen sich Hörgeschädigte zurückgezogen haben, weil sie dort schlicht nichts mehr verstehen. Es gäbe Wege und Möglichkeiten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Aber: Es fehlt die Nachfrage. Hörbeeinträchtigte Menschen geben sich nicht zu erkennen, sie melden sich nicht. Und deshalb entsteht auch kein Angebot.

Das ist das eine. Aber es gibt noch ein zweites Korollar. In den Branchen der „New Economy“ haben wir erlebt, wie neue Märkte plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Wer hätte vor zwölf Jahren vorausgesehen, dass ein Smartphone weltweit einmal zum Artikel des täglichen Gebrauchs für alle werden würde? Wer hätte geahnt, welchen Stellenwert die Kommunikation über soziale Netze im Internet heute hat? Offensichtlich – und überraschend – gilt auch die Umkehrung unseres ersten Korollars: „Das Angebot bestimmt die Nachfrage.“ Und die kann rasant steigen, wenn das Angebot nur funktioniert und einleuchtet. Damit sind wir beim zweiten Dilemma, dem die Hörbarrierefreiheit im öffentlichen Raum ausgesetzt ist. Weil es so wenige Angebote für Hörgeschädigte gibt, werden sie auch nicht wirklich wahrgenommen. Es entwickelt sich keine Nachfrage.

Gut Hören im öffentlichen Raum ist offenbar kein Selbstläufer. Wie lösen wir dieses Dilemma auf? Ein Vorschlag: indem wir an beiden Enden gleichzeitig anfassen. Sie als Menschen mit Hörschädigung gewöhnen sich an, immer und überall nach den Einrichtungen und Vorkehrungen zu fragen, die es Ihnen ermöglichen, an öffentlichen Veranstaltungen, Personenführungen und Beratungsgesprächen teilzuhaben. Und der Deutsche Schwerhörigenbund tut auf allen Ebenen alles dafür, dass das Angebot an entsprechenden Möglichkeiten ständig weiter wächst. Das ist es, was die UN-Behindertenrechtskonvention mit „angemessenen Vorkehrungen“ meint. (Und, natürlich, wenn Sie möchten, können Sie uns gerne helfen, an unserem Ende mit zu ziehen...)

Mit herzlichen Grüßen
Norbert Böttges
Vizepräsident des DSB

 

Sozialpolitik / Recht / Bauen

  • Letzte Etappe: Das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz

Mit dem „Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung“ (HHVG) hat der Bundestag am 16. Februar 2017 das letzte große Sozialgesetzvorhaben dieser Legislaturperiode passieren lassen. Im Kern beinhaltet es eine Reihe von Änderungen des Fünften Buches des Sozialgesetzbuches (SGB V, „Gesetzliche Krankenversicherung“). Ganz zu Recht sehen die Krankenkassen und die Leistungserbringer – im Falle der Hörhilfsmittel die Hörakustiker – neue Anforderungen auf sich zukommen. Denn die Gesetzesnovellierung schließt Lücken und berücksichtigt Fehlentwicklungen in der Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten bei Heil- und Hilfsmitteln. Sie kann daher durchaus auch als eine Maßnahme des Verbraucherschutzes im Rahmen des gesetzlichen Gesundheitswesens bezeichnet werden.

Neues aus den Verbänden

  • Bundesverdienstkreuz für Detlev Schilling
  • Nachruf: Kämpferisches Vorbild mit großem Herz

„Mecker nicht! Tu was!“ – Dies war die Maxime von Rudi und Käthe Rathke. Als Rudi Rathke ertaubte, war die Kommunikationsbrücke der beiden zueinander und zur Umwelt zerbrochen. Aber: „Mecker nicht! Tu was!“ Deshalb setzten sie sich für gegenseitiges Verstehen ein. Die tragenden Pfeiler dieser Brücke des Verstehens waren totale Kommunikation, Vertrauen auf die eigenen Stärken und Vertrauen auf andere Menschen. Aus jedem Menschen sollte das herausgeholt werden, was in ihm steckt: Was du wirklich willst, das kannst du auch. Nach dem Tod ihres Mannes arbeitete Käthe Rathke mit doppeltem Eifer, mit Herz, Verstand und Kritikfähigkeit an solchen Brücken. Sie kämpfte für Gerechtigkeit und wollte Festgefahrenes bewegen. Alle sollten begreifen, dass sie aufeinander zugehen können und sollen. Jeder Einzelne ist für sich selbst und seine Kommunikationsfähigkeit verantwortlich. – Nun ist die engagierte Kämpferin verstorben. Ein Nachruf.

  • IFHOH-Kongress Future loops: Der Countdown läuft

Bis Anfang April konnten sich deutsche und internationale Experten mit ihren Themenund Vortragsvorschlägen beim Deutschen Schwerhörigenbund melden (Call for papers) und damit die Inhalte des Internationalen Kongresses zur Hörtechnologie vom 06. bis zum 08. Oktober 2017 in Berlin maßgeblich mit prägen. Renommierte Hauptredner (Keynote speakers) haben bereits zugesagt und versprechen vielfältige, interessante Vorträge.

Teilhabe / Rehabilitation

  • Höranstrengung lässt sich messen

Ein geselliger Abend im Restaurant, eine große Familienfeier oder ein Ausflug zum Stadtfest – wer kennt es nicht: Gespräche in solch‘ lauten Umgebungen werden anstrengender empfunden als in einer ruhigen Umgebung. Allein das Zuhören kostet in komplexen Umgebungen sehr viel Kraft. Um trotz der Hintergrundgeräusche alles verstehen zu können, ist eine erhöhte Konzentration notwendig. Dies ist schon bei gut hörenden Personen der Fall. Die Problematik der sogenannten „Höranstrengung“ wird aber umso gravierender, je mehr Probleme jemand mit dem Hören hat, je stärker also der Hörverlust ist. Hörsysteme sollen helfen, die Höranstrengung zu verringern. Aber tun sie dies überhaupt? Dies lässt sich objektiv überprüfen, zeigt Melanie Krüger auf.

  • Induktives Hören in der Friedhofskapelle
  • Kostenloser und barrierefreier Notruf

Vorbei sind die Zeiten, in denen hörbeeinträchtigte Menschen auf fremde Hilfe warten mussten, um einen telefonischen Notruf an die 110 oder 112 zu tätigen. Über den Telefonvermittlungsdienst der Tess-Relay-Dienste GmbH können hörbeeinträchtigte Menschen nämlich selbst die Feuerwehr oder die Polizei anrufen – und das mit Smartphone oder Tablet, einem speziellen SIP-Telefon oder mit einem PC mit Internetverbindung. Allerdings geht das noch nicht rund um die Uhr, könnte sich aber bald ändern.

  • Hilfe für Schwerhörige im Himalaja

Jährlich am 03. März ruft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum „Welttag des Hörens“ auf. Damit möchte die Sonderorganisation der Vereinten Nationen die Vorsorge für gesunde Ohren und gutes Hören fördern. „Spektrum Hören“ nimmt den Aktionstag zum Anlass und berichtet über die Situation hörbeeinträchtigter Menschen in Bhutan und stellt ein bemerkenswertes Projekt vor.


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Update: 20.04.2017