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Deutscher Schwerhörigenbund e. V.

Ausgabe 04/2024

Liebe Leserinnen und Leser,

„Inklusion durch selbstbestimmtes Leben mit Kommunikation 4.0?!“ So titelt der Deutsche Schwerhörigenbund DSB seinen diesjährigen Selbsthilfetag. Inklusion„durch“ Selbstbestimmung – wie das? Ist Inklusion nicht ein Menschenrecht, eine Bringschuld der Gesellschaft? Soll nicht umgekehrt Inklusion ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen? Was hat der Einzelne mit seiner Selbstbestimmung zur Inklusion beizutragen?

Tatsächlich haben wir uns an eine „menschenrechtliche Sicht“ von Inklusion, Teilhabe und angemessenen Vorkehrungen gewöhnt. Dieser Wandel weg vom Bitt und Fürsorgegedanken hin zum Rechtsanspruch ist ein weltumspannender Prozess. Erkennbares Zeichen dafür ist die UN-Behindertenrechtskonvention. Das ist gut so – und ermutigend zu sehen: Die Gesellschaft geht mit. In Filmen und Fernsehserien haben Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen längst ihren festen Platz und das nicht etwa nur in Nebenrollen. Und auch im Alltag darf man durchaus auf eine Beeinträchtigung hinweisen und trifft mehr und mehr auf Verständnis, Bemühen und Entgegenkommen, manchmal sogar auf eine angemessene Vorkehrung.

Inwieweit aber kann – und soll? – Selbstbestimmung zur Inklusion beitragen? Versuchen wir ein Beispiel. Nach wie vor erleben wir, dass Menschen mit Hörbeeinträchtigungen ihre Hörgeräte nicht tragen oder sich gar nicht erst versorgen lassen. Dafür mag es Gründe geben. Über diese kann man sprechen. Kommen aber im Verlauf eines solchen Gesprächs immer mehr Gründe auf den Tisch, fühlt man sich früher oder später an den Ausspruch erinnert: Wer Inklusion will, findet Lösungen, wer sie nicht will, findet Argumente. Man kann sich der Inklusion auch verweigern –selbstbestimmt. Angemessene Vorkehrungen, wie sie die UN-Konvention fordert, sind keine Einbahnstraße. Auch als Betroffene müssen wir angemessene Vorkehrungen treffen. Das erfordert entsprechende Hilfsmittel, Wissen um Gesprächsverhalten und Neues zu lernen, beispielsweise über zeitgemäße Medien.

Damit sind wir bei der digitalen Welt, bei der Kommunikation 4.0. Der technische Wandel ist keine Erfindung der Neuzeit. Mein Vater hatte noch ein Grammofon mit Handaufzug und Stahlnadel. Dann kamen die elektrischen Plattenspieler. Hat er sich denen verweigert? Nein. Neu ist eher unsere gestiegene Lebenserwartung. Unser Leben ist einfach zu lang, als dass wir mit Mitteln und Wissen unserer jungen Jahre die ganze Strecke bestehen könnten. Dabei ist auch das lebenslange Lernen keine neue Erfindung. Deshalb hat zum Beispiel die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen mit dem DigitalKompass Fortbildungen im Bereich von Smartphone und Internet ins Leben gerufen. Der DSB unterstützt das Programm. Auch die Deutsche Telekom betreibt eine Seniorenakademie mit demselben Ziel. Wäre es nicht – zum Beispiel – eine gute Idee, wenn Banken und Sparkassen sich anschließen und Einführungen in die Geheimnisse von Onlinebanking, PIN und Zwei-Faktor-Authentifizierung anbieten würden?

Immer wieder staune ich, dass Menschen beschließen, Tiere zu schützen, Arten zu erhalten, Flüchtlinge aufzunehmen, soziale und behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen, dass Länder und die internationale Gemeinschaft entsprechende Gesetze beschließen und Geld dafür ausgeben. Wenn wir für solches Verhalten handfeste wirtschaftliche Vorteile herbeirechnen oder Rechtsansprüche aufstellen, erspart uns das zwar das Staunen und gibt dem Ganzen einen rationalen Anstrich. Es entfremdet uns aber von einem sinnstiftenden Teil der Selbstbestimmung: der Selbstverantwortung.

Ihr
Norbert Böttges

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Am 5. April 2024 veranstaltete die Europäische Vereinigung der CI-Nutzer (EURO-CIU) in Zusammenarbeit mit der österreichischen CI-Gesellschaft (CIA) ein Symposium über Stand und Zukunft der CI-Versorgung. Das Symposium bot auch einige Einblicke in das Thema
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Aus aktuellem Anlass führte der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB) vom 12. bis zum 14. April 2024 in Berlin einen Strategieworkshop zum Thema Wahlprüfsteine durch. In Bezug auf die bevorstehenden Landtagswahlen der drei Bundesländer Thüringen, Sachsen und Brandenburg im September sowie die Europawahl im Juni, war dies eine gute Gelegenheit, sich im direkten Gespräch mit den Spitzenkandidaten über ihre
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Termine/Veranstaltungen

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Fachtagung des DSB Landesverbands NRW Aachen - Traditionell verbindet der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB) seine jährliche Delegiertenversammlung mit einer Fachtagung. In diesem Jahr fand die Veranstaltung auf Einladung der Schwerhörigen-Selbsthilfegruppe Aachen statt. In zwei präzisen und inhaltsreichen Vorträgen konnten auch „alte Hasen“
noch viel Neues über den Prozess von Hören und Verstehen und über die Komplexität der räumlichen Hörwahrnehmung in anspruchsvollen Hörsituationen erfahren.

  • DSB-Selbsthilfetage 2024 Digitale Transformation, Inklusion und Kommunikation 4.0

Unsere Welt verändert sich. In schneller Folge beschert uns das immer neue Begriffe: Soziale Medien, digitale Transformation, künstliche Intelligenz, Kommunikation 4.0 ...Für eine gelingende Teilhabe heißt es, die neuen Entwicklungen immer wieder aufzunehmen und mit ihnen Schritt zu halten. Das hat sich auch der Deutsche Schwerhörigenbund DSB für seine diesjährigen Selbsthilfetage vom 16. bis 18. August 2024 in Königswinter auf sein Schild geschrieben.

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„Nichts über uns ohne uns!“ – eines jener geflügelten Worte, die dazu geführt haben, dass sich Menschen mit Behinderungen an immer mehr Orten an politischen Prozessen beteiligen können und sollen. Wie sieht das ganz praktisch aus? Diese Frage beleuchtet das folgende Interview, das Christina Bergmann mit Juliane Passavanti geführt hat.

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